Aus der
Winnender Zeitung
vom 26.04.2011:
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Cyber-Mobbing kein Randphänomen

Studie der Uni Hohenheim zeigt: Ein Fünftel der befragten Schüler wurde schon bloßgestellt

VON MARTIN HAAR

STUTTGART. Früher waren es oft nur blöde Sprüche an der Toilettentür. Heute werden Jugendliche immer öfter im Internet gedemütigt, beleidigt, bedroht oder bloßgestellt. Auch bei Leon K. fing die Sache zunächst harmlos an. Mit Sticheleien auf dem Weg zur Schule und im Pausenhof. Oder Schmähungen auf dem Bolzplatz: "Du Blinder, du kannst ja gar nichts. Hau ab!"

Plötzlich war Leon ausgegrenzt. Er gehörte nicht mehr dazu. Nicht mehr zur Mannschaft, schon gar nicht zur Clique. Selten fühlte sich der zwölfjährige Leon so mies, so gekränkt und wertlos. Aber die Sache geht noch weiter - im Internet. Seine früheren Freunde lästerten jetzt auf Facebook. Was die früheren Kumpels als harmlose Witzelei einstuften, war für Leon eine der schwersten Erfahrungen in seinem jungen Leben. Seitdem war er ängstlich, verunsichert, antriebslos - und er schlief schlecht.

Leon ist kein Einzelfall, wie eine Pilotstudie von Thorsten Quandt, Leiter des Lehrstuhls für Kommunikationswissenschaft der Universität Hohenheim, zeigt. "Das Mobbing kommt im wahrsten Sinne aus der Mitte der Klassen­gemeinschaft", sagt Thorsten Quandt, "anders sieht es bei den Opfern aus: Da trifft es vor allem die sozialen Außenseiter."

Eben einen wie Leon, den stillen Jungen, der nicht so gut kicken kann wie die anderen. Aber es reichen auch schon viel banalere Gründe, um Opfer von Cyper-Mobbing zu werden. Pubertäre Eifersüchteleien bei Mädchen enden allzu oft mit spitzen, virtuellen Angriffen. Quandt berichtet, dass vor allem Schülerinnen häufiger zur Zielscheibe des Spotts und der Herabwürdigung werden. Laut der Pilotstudie hatten die weiblichen Befragten ein sechsfach erhöhtes Risiko, Opfer von Cyber-Mobbing zu werden.

Das Spektrum der Taten reicht von persönlichen Angriffen auf sozialen Netz­werk­seiten und Communities über die Veröffentlichung verletzender Bilder bis hin zum Einstellen peinlicher Videos im Netz. Auch Beleidigungen per SMS sind keine Seltenheit. Quandts Kollegin Ruth Festl führt diese Vielfalt auch auf die rasante Vereinfachung der entsprechenden Medientechnologien zurück: "Der Zugang zu Multimedia-Handys und die Allgegenwart des Internets im Alltag Jugendlicher haben dazu geführt, dass der Schritt zum Mobben über das Netz oft nur noch ein kleiner ist." Die Hohenheimer Studie zeigt auch, dass insbesondere Vielnutzer von Internet und sozialen Netzwerken häufiger zu den Tätern gehören.

Ein Phänomen, das Anja Schumacher vom Projekt Medienfluten der Caritas Stuttgart schon länger beobachtet. Aüch die wachsende Rücksichtslosigkeit, mit der Täter ihre Opfer attackieren. "Mobbing", so glaubt die Diplom-Päda­gogin der Caritas, "hat es schon immer gegeben, aber jetzt verlagert es sich eben ins Internet. Und dort sind die Schamgrenzen viel niedriger."

Der Grund ist schnell erklärt: Bei der virtuellen Kommunikation fehlt der direkte Kontakt. Es gibt keine Reaktionen. Ohne die bewegende Mimik und

 

Gestik des Opfers oder dessen traurige Blicke sinkt die Schamgrenze gewaltig. So kommt es zu geschriebenen Botschaften, die einem sonst nur schwer über die Lippen kämen. "Diese vermeintliche Anonymität macht die Täter sicherer, Grenzen werden so noch leichter übertreten", erklärt Anja Schumacher. Es sei eben nichts Neues, dass es im Internet kaum schützende Instanzen oder Reglementierungen gebe.

Eltern reagieren in solchen Fällen entweder mit Scham, weil sie einen unge­zügelten Internetkonsum zugelassen haben, oder mit Rat- und Hilflosigkeit. Dabei sollten Eltern von Tätern und Opfern von Cyber-Mobbing so einen Anlass als Impuls zum Handeln nutzen. Zumindest empfiehlt das Anja Schu­macher: Eltern müssten sich Medienkompetenz verschaffen. "Nur wenn Kinder spüren, dass Erwachsene wissen, wovon sie sprechen, werden Eltern auch ernst genommen", sagt Anja Schumacher. Erst dann sei es für Eltern möglich, an der neuen Netzwelt der Jugendlichen teilzunehmen.

Beratung und Hilfe

Für die Betroffenen des Cyber-Mobbings hat Anja Schumacher wertvolle Tipps:
  • Beweise sichern: "Auf den Plattformen von MSN oder ICQ lassen sich Dialoge abspeichern. Auf Face­book kann man die Beweise per Screenshot sichern."

  • Mobbing anzeigen: "Über die Menüfunktionen der Netzwerke kann man die Täter anzeigen und deren Accounts sperren lassen."

  • Darüber sprechen: "Man sollte nicht versuchen, die Probleme auszusitzen. Wer von Cyber-Mobbing betroffen ist, sollte sich einem Lehrer, den Eltern anvertrauen oder an eine Beratungsstelle wenden." Leon hat es im Übrigen richtig gemacht. Er ver­traute sich seinen Eltern an - so wurde die Sache pub­lik. Und die Vorzeichen änderten sich. Plötzlich war nicht mehr das Opfer bloßgestellt, sondern der Täter mit seinen Schmierereien. Ach ja: Leon schläft wieder wie ein Murmeltier.

  • Schnelle Hilfe bei Cyber-Mobbing bietet das Kinder- und Jugendtelefon. Die Beratung bei Web-Sorgen ist in Deutschland von Montag bis Samstag (14 bis 20 Uhr) kostenlos. Die Nummer gegen Kummer lautet: 0800 / 1 11 03 33 oder 0800 / 11 61 11

  • In Stuttgart gibt die Jugend- und Familienhilfe der Caritas aus Auskunft und Rat: Telefon 0711 / 60 17 03 74.(mh)

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