|
VON REGINA MUNDER
Winnenden.
Jeweils vier hochkant gestellte Zigarrenkistchen verwandelt Angelika Schleicher in Kunstwerke. In der Galerie des Winnender Kunstsalons umrunden die Vernissagegäste vorsichtig die mit Gips, Farbe, Drahtgewirr und anderen Metallteilen gestalteten Fächer, die die Lorcherin wie Skulpturen in den Raum gestellt hat.
"Erst vor vier Monaten habe ich mit den Zigarrenkisten angefangen, sie sind reizvoll, weil man sie wie ein klassisches Relief gestalten kann." Angelika Schleicher hat eine dieser Assemblagen "Nester" genannt, eine andere "pain" (Englisch: Schmerz). Da ragen Eisenstücke aus einem fleischigroten Gebilde. Aber die Künstlerin ist nicht die düstere Gesellschaftskritikerin, sondern eine herzliche Person. Sie lacht auf die Frage, ob sie all die Zigarren geraucht habe, um leere Kisten zu bekommen. "Nein, sehe ich so aus?! " Seit drei Jahren ist die Künstlerin, Kunsterzieherin und Literatur-Lehrerin am Welzheimer Limes-Gymnasium Mitglied des Winnender Kultursalons. Dessen Leiterin, Eva Schwanitz, trägt Angelika Schleichers Werkeinführung vor und sagt am Ende ob der poetischen Beschreibungen: "Man merkt, du gibsch au Literatur!"
Sie halte Eindrücke in Malerei, Zeichnung und Collage fest, "so wie andere Tagebuch schreiben". Die Kunst, in Winnenden unter dem Titel "Wegstrecken" ausgestellt, entstehe nebenher, während einer Zugfahrt, irgendwo im Freien, daher finden sich auch viele kleine Formate in der Ausstellung, und nicht nur Zeichnungen mit Tusche, sondern auch mit Kugelschreiber. Sie zeichnet Gesichter, malt aber auch stark abstrahierte Blüten und Landschaften.
Sie kann mit leuchtenden Farben ebenso gut wie mit zarten
Zwei Frauen legen die Köpfe schräg beim Betrachten des Bildes "Die Welt ist rund". "Sie nimmt nicht immer kräftige Farben", sagt die eine angesichts des in Pastelltönen gehaltenen Ei-Tempera-Bilds von Angelika Schleicher. Andere Werke bezirzen den Betrachter mit leuchtenden Acrylfarben. Doch so wie Er-
| |
lebtes, Erinnerungen, Assoziationen nicht einheitlich sein können, so unterschiedlich drückt sich Angelika Schleicher in ihrer Bildsprache aus. "Ich will alles malen, was mich beschäftigt", sagt sie, "ich empfinde eine Dringlichkeit zu malen."
Die Künstlerin ist stark im Assoziieren und lädt auch ihre Betrachter dazu ein. Das Bild von den Schwimmern sei daher nicht nur als Spiel mit verzerrten Perspektiven zu verstehen, wie wenn man ins Wasser gesprungen ist und die anderen im Becken von unten anguckt. "Ich komme ins Sinnieren - welche Abläufe retten uns vor einem fataleren Untergang?" Eva Schwanitz hält inne beim Vorlesen, wirft ihre Gedanken ein: "Meint sie den Untergang der Welt, von uns allen?" Doch, wie gesagt, eigentlich ist Angelika Schleidhers Kunst unbeschwert, eine Einladung zu eigenen Gedanken. Sie beschreibt, dass ihre Stimmung Farben und Striche bestimmt. "Es entwickelt sich eine Eigendynamik, irgendwann beginnt die Lust am Malen, das ist wie das Zerschmelzen der Schokolade auf der Zunge."
Künstlerin samstags in der Galerie
Die Kunstsalon-Galerie befindetsich im ehemaligen Ladengeschäft am Winnender Rathaus, Ecke Wall-, Schloss- und Torstraße.
Die Ausstellung ist donnerstags und samstags von 11 bis 14 Uhr geöffnet. Sie endet am Samstag, 14. Mai.
Künstlerin Angelika Schleicher führt samstags persönlich Aufsicht und Besucher können bei der Gelegenheit mit ihr ins Gespräch kommen.
Die Werke, die Angelika Schleicher unter dem Titel "Wegstrecken" zeigt, sind in den vergangenen zwölf Jahren entstanden. Auch wenn sie im Hauptberuf Lehrerin ist: "Ich habe nie aufgehört zu malen."
|