Aus der
Winnender Zeitung
vom 02.04.2011:

 

Das Walli schließt für immer

Ein Bier für 2,80 Euro: Solche Preise decken die an vielen Punkten steigenden Kosten nicht

VON MARTIN SCHMITZER


Jugendliche im Walli: Dass das Walli schließt, ist noch schlimmer als das geschlossene Domino.     Bild: Schneider

Winnenden.
Das Walli gilt als unsterblich. Es ist ein Stück Heimat, ein Sehnsuchtsort für Auswärtswohnende, Stammkneipe für Ältere und Anlaufstelle für Jugendliche. Aber das hilft alles nichts mehr: Die Kultkneipe kann nicht mehr. Am 28. Mai schließt das Walli für immer.

Im Facebook tobt der Protest. Im tatsächlichen Stadtgespräch herrscht entsetztes Zischeln: Das kann doch nicht sein, das geht doch gar nicht, so eine Kneipe kann doch gar nicht schließen. Am Donnerstagnachmittag fragten 15 Jugendliche im Walli bei Wirt Michael Krauter nach, und das Ergebnis ist: "Am 28. Mai ist das Walli zum letzten Mal geöffnet. Das habe ich mit dem Vermieter so abgesprochen." Die Walliness GmbH, Betreibergesellschaft des Walli, ist pleite. Anfang März wurde die Insolvenz in den amtlichen Bekanntmachungen verkündet. Der Vermieter, ein Schreinermeister und Schwiegersohn der legendären früheren Walli-Wirtin Walliser, kann nicht mehr mit regelmäßigen Mietzahlungen rechnen. Er ist sich schon einig mit einem künftigen Mieter, der in dem denkmalgeschützten Gebäude am Stadteingang beim Viehmarkt einen Laden für Wohnaccessoires einrichten möchte.

"Ja, was machen wir dann am Donnerstagabend?", fragen Jugendliche im Walli. Sie lassen eine Unterschriftenliste kreisen. In einer Stunde unterschreiben 31 Gäste "gegen die Schließung". Ein schriftlicher Aufschrei, bei dem man gar nicht weiß, an wen er sich richtet. "Ich komme seit sieben Jahren regelmäßig ins Walli. Mindestens einmal pro Woche. Das kann doch nicht aufhören", sagt der 21-jährige Robin. "Dass das Walli schließt, ist weitaus schlimmer als die Domino-Schließung", sagt Lena Oechsle, Jugendgemeinderätin und Walli-Fan.

Kann man den Vermieter noch umstimmen? Kann der Wirt Michael Krauter noch etwas machen? "Wir haben jetzt lange gekämpft", sagt Krauter, "aber es geht nicht mehr. Die Nebenkosten steigen ins Unermessliche. Das Walli ist eine sehr gut frequentierte Kneipe. An Gästen fehlt es bestimmt nicht. Die Atmosphäre ist toll. Aber uns Wirten schleicht das Geld zum Fenster naus."

Energiekosten und Reparaturkosten ufern aus

Schon die Energiekosten plagen den Wirt: 1200 Euro jeden Monat, weil die Elektrogeräte zu alt sind, zu viel Strom fressen. Der E-Herd in der Gasthausküche schluckt im Vollbetrieb zehn Kilowatt. Wenn die Kaffeemaschine hochfährt, knackt es in der Musikanlage. Die ganze Elektrik im Haus wäre sanierungsbedürftig. Aber nicht nur die, alle Wasserleitungen auch. Gerade ist im Damenklo der Abfluss verstopft, die Kloschüssel abgeschraubt. Handwerker müssen das Rohr freimachen. Solche Reparaturen hat das Walli alle zwei Wochen mit Kosten von mal 200, mal 500 Euro. Die Lüftung ist ein Denkmal schwäbischer Tüftlerkunst. Das alles sollte grundlegend saniert werden und müsste damit komplett auf heutige Standards gebracht werden. Krauter schätzt: "Das kostet 130 000 Euro."

"Ich kann den Vermieter auch verstehen, wenn er das nicht stemmen kann. Wir haben miteinander gesprochen und keinen Weg gefunden, wie wir das

 

Walli wirtschaftlich betreiben können." Zu den Jugendlichen sagt er: "Zielführend ist es nicht, auf dem Vermieter herumzuhacken."

Timp Rapp, ein Jugendlicher, meint, dass das Walli über höhere Getränkepreise vielleicht wirtschaftlich zu halten wäre. Zur Zeit gibt's für 2,80 Euro noch ein Heineken. "Ich müsste fürs Hefeweizen mindestens 3,50 Euro verlangen. Und ihr müsstet dann trotzdem noch so oft kommen und so viel konsumieren wie bisher." Timo meint, das könnte klappen. Aber Wirt Michael Krauter hält es für Illusion. Auf solche Zahlen möchte er keine Kalkulation aufbauen.

Der Wirt überlegt: Kann das Walli als Ganzes umziehen?

Vielleicht könnte man ja an anderer Stelle das Walli wieder aufziehen, mit dem gleichen Team, deutet Krauter an. "Wär das was?", fragt er die Jugendlichen am Tisch. "Besser als gar nix", sagt ein Mädchen, "die Gäste müssten aber auch mit umziehen, auch die älteren, die vom Stammtisch." "Hier sitzen vier Generationen friedlich beieinander in einer Kneipe. Das darf nicht aufhören", sagt Lena Oechsle. "Wenn das Walli umzieht, dann aber innerhalb der Innenstadt und schnell, nicht erst in ein paar Jahren", sagt ein Mädchen. Das ist die einzige Hoffnung. Das Walli, das seit mindestens 90 Jahren an dieser Stelle als Gasthaus betrieben wird, in dem Generationen von Schülern Hausaufgaben machten so wie heute auch, vor dessen Tür sich jedes Jahr am 24. Dezember einige Hundert Auswärtswinnender versammeln, um in Erinnerungen zu baden - dieses Walli an diesem Ort wird es ab Juni nicht mehr geben.

Der letzte Öffnungstag ist der 28. Mai

  • Noch gibt's das Walli. Noch können Stammgäste, die seit Jahrzehnten morgens um neun Uhr schon das Lokal betreten, an ihrem Stammtisch sitzen. Der letzte Öffnungstag ist Samstag, 28. Mai.

  • Danach geht's schnell. Am Montag beginnt sofort der Umbau in ein Ladengeschäft.

  • Der Umbau in einen Laden ist bedeutend einfacher als die Sanierung als Wirtschaft, die Auflagen für einen Laden sind wesentlich geringer, und die große Wohnung im ersten Stock kann als Wohnung auch eher vermietet werden, wenn darunter ein Laden ist und keine Kneipe. Das ist die Rechnung des Vermieters.

  • Das Walli ist seit mindestens 90 Jahren Wirtschaft. Es hieß früher und heißt eigentlich auch heute "Waldhorn".

  • Walli-Wirt Michael Krauter ist 31 Jahre alt und war zu seinen Schülerzeiten schon Gast bei Frau Walliser. 2007 hat er das Walli zusammen mit zwei Kompagnons gepachtet.

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