Aus der
Winnender Zeitung
vom 14.11.2007:
Anmerkung der Online-AG:
Dr. Stirner hat den Text des Vortrags
zur Verfügung gestellt.

Ein steckbrieflich Gesuchter als Namensgeber

Der Vortrag von Dr. Hartmut Stirner bot viele Einblicke in das Leben Georg Büchners / Rund 100 Zuhörer in der Alten Kelter

Von Sabrina Lillich

Winnenden.
Das Georg-Büchner-Gymnasium hat einen aufregenden Namenspatron: Er wurde steckbrieflich gesucht, weil er sich als Sozialrevolutionär hervorgetan hatte. Über Georg Büchner hat Dr. Hartmut Stirner referiert, und mehr als 100 Zuhörer lauschten in der Alten Kelter, was Stirner über das kurze Leben dieses universell gebildeten und hoch-politischen Mannes vortrug.

Dr. Stirner (Mitte) hat sich in der Pause angeregt mit einigen Zuhörern unterhalten. Bild: Privat

Georg Büchner wurde nur 23 Jahre alt: Er lebte von 1813 bis 1837 und beendete sein Studium der Biologie und Medizin mit dem Doktortitel. Und auch an anderen Lebensbereichen war er stets interessiert. Deshalb trägt das Gymnasium in Winnenden nicht umsonst seinen Namen: "Im Leitbild nämlich steht er als Namensgeber unserer Schule, Naturwissenschaftler, Philosoph, Schriftsteller und Sozialrevolutionär. Er soll für uns ein verpflichtender Ansporn sein, bei unserem lehrenden und lernenden Tun, die Welt erforschen, verstehen; gestalten und verändern zu wollen", so Dr. Hartmut Stirner.

Georg Büchner sticht im Leitbild besonders als Sozialrevolutionär hervor: Die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse in Deutschland um 1834 waren Grund für Büchner, etwas zur Veränderung beizutragen. Politische Freiheiten wie beispielsweise Rede-, Presse- und Versammlungsfreiheit gab es so gut wie gar nicht, und auf den Dörfern lebten die Arbeiter in großer Armut. Daraufhin gründete Büchner 1834 eine "Gesellschaft der Menschenrechte", die eine soziale Revolution anstrebte. Durch die Flugschrift "Der Hessische Landbote" wollte Büchner eine Gesellschaft ohne Klassenunterschiede schaffen. Diese Aktion scheiterte jedoch an einem Verrat, und Büchner war gezwungen, sich polizeilichen Überwachungen und. Verhören zu unterziehen. 1835 gelang ihm die Flucht nach Straßburg, Worauf er steckbrieflich gesucht wurde.

Büchner-Stellwände im Gymnasium

Dieser Steckbrief hängt sogar an den sehr schön gestalteten Stellwänden im Erdgeschoss des Gymnasiums, wo sich die Schüler jederzeit über Büchner informieren können. Seine Werke jedoch verlangten laut Stirner eine intensive Beschäftigung, um ein Verständnis aufbauen zu können. Das wiederum stellt eine Herausforderung für Schüler dar. Die erstaunliche Vielseitigkeit Büchners lässt laut dem ehemaligen Lehrer kein Schulfach unberührt. Am Anfang der Rede berichtete Stirner, dass die Kenntnisse über das Leben und Werk Büchners im Allgemeinen nicht verbreitet sind. Auch Stirner selbst hat als Schüler nichts über Büchner erfahren. Man könne auch nicht voraussetzen, dass eine Schulgemeinde einer Schule, die seinen Namen trägt, das Leben Büchners kenne.

Unter den Besuchern in der Alten Kelter in Winnenden waren ehemalige und gegenwärtige Lehrer und Schüler, aber auch andere, die mehr über das Leben des Schriftstellers erfahren wollten. "In jedem Fall ist es eine gute Mischung", freute sich auch Adalbert Vogt, der Rektor der Schule, der den Abend eröffnete.

Stirner selbst überzeugte bei seinem langen Vortrag über knapp zwei Stunden mit ausführlichen Informationen über das Leben Büchners. Die ungeheure Dichte des Vortrags und sein hohes Niveau begeisterten das Publikum. Das Vorlesen von Textstellen und Briefen Büchners machten die Rede lebendig. Inhalt des Vortrags war unter anderem Büchners Schulzeit in Darmstadt, seine Studienzeit in Straßburg und Gießen, sein Aufenthalt im Exil, die Universitätslaufbahn in Zürich und sein Tod mit 23 Jahren. Auch mit Ausschnitten aus Büchners Werken bot Stirner den Gästen einen Einblick in das doch so kurze Leben des Schriftstellers: darunter das Drama "Dantons Tod", die Novelle "Lenz", das Lustspiel "Leonce und Lena" und das Drama "Woyzeck". Der ehemalige Deutschlehrer griff am Ende des Vortrags nochmals mit einer rhetorischen Frage an die Gäste auf den Anfang zurück: "Sagen Sie selbst, kann diese Schule nebenan einen uninteressanteren Namenspatron haben?"

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